GA 07.10.2020
Bonner Prostituierte fürchten um ihre Existenz
Bordelle in Bonn und der Region dürfen wieder öffnen, doch das Geschäft läuft schlecht. Prostituierte fürchten um Existenz. Und nicht jeder Freier freut sich über Listen, in die er sich eintragen soll.
ie Immenburg wirkt wie eine verlassene Festung. Die schmalen Gänge von Bonns größtem Bordell sind leer. Sonst drängen sich hier in den Wochenendnächten die Freier, oft betrunken nach Feiern. Oder einfach nur, um sich die Frauen anzuschauen. Doch auch die fehlen. Vor den Zimmern sitzen nur noch wenige Sexarbeiterinnen. „Wir haben schon viele Jahre keine Vollauslastung mehr“, sagt der Betreiber. Doch jetzt sei die Situation noch schlimmer. „Es läuft nur schleppend wieder an.“
Das Rotlichtmilieu kämpft mit der Coronakrise. Als mit dem Virus der Lockdown kam, mussten alle Bordelle schließen. Nach einem Gerichtsurteil Anfang September, das die Schließung für unrechtens erklärte, dürfen die Betriebe unter strengen Auflagen wieder öffnen. Für manche Einrichtungen war es jedoch zu spät: Das Kölner Pascha meldete Insolvenz an.
Der Saunaclub Tutti Frutti an der Grenze von Alfter und Bonn war einer der Ersten, der wieder aufmachte. „Der Rubel muss rollen“, sagt Elena Bunescu. Die Gäste zahlen Eintritt, die Prostituierten auch. Im Gegenzug erhalten die Frauen ein Zimmer, in dem sie ihre „individuellen Dienstleistungen“ anbieten können. Aber das Geschäft läuft schlecht. „Wir hatten sonst bis zu 15 Mädchen gleichzeitig hier, jetzt sind es nur noch drei bis sechs.“ Auch die sonst so beliebten Mottopartys mit Piraten oder Bauchtänzerinnen ziehen nicht mehr. „Finanziell ist das eine Katastrophe.“
Dass es nicht läuft, dafür gibt es aus Bunescus Sicht mehrere Gründe. „Die Prostituierten kommen nicht, weil sie Probleme bei der Einreise haben.“ Die Freier schrecke die Szenerie ab. So müssen sie sich in Kontaktlisten eintragen, „was natürlich keiner gerne macht“. Am Eingang wird Fieber gemessen, Einlass gibt es nur mit Mundschutz. Streng genommen darf er auch nicht auf den Zimmern abgenommen werden. Doch das zu kontrollieren, sei schwierig. Das Alfterer Ordnungsamt habe jedenfalls nichts am Hygienekonzept beanstandet.
Auch die Immenburg musste sich umstellen, was zwei Wochen dauerte. „Wir wischen stündlich alle Handläufe ab, überall hängen Desinfektionsmittelspender“, sagt der Betreiber. Die Kontaktlisten würden gesichert aufbewahrt, um Anonymität zu wahren. „Wir können uns nicht erlauben, Mist zu bauen.“ Wie strikt man mit den Auflagen umgeht, hat sich zuletzt gezeigt. Eine Gruppe junger Männer wollte per se keinen Mundschutz tragen. Erst beförderte sie der Türsteher nach draußen, dann kam die Polizei. Das Ordnungsamt verhängte gegen einen Mann ein Bußgeld von 50 Euro.
Die Sexarbeiterinnen auf dem Straßenstrich sind froh, dass das Bordell offen ist. „Es ist wieder etwas los, aber es reicht nicht“, sagt eine Frau, die aus Rumänien stammt. Sie berichtet von Kolleginnen, die nur überlebten, weil sie bei ihren Familien und Freunden unterkommen konnten. Vieles sei in dieser Zeit illegal abgelaufen: durch private Verabredungen oder das Anbieten an anderen Stellen in Bonn.
Die Prostitution unter freiem Himmel war über Monate „praktisch ein Vakuum“, sagt der Bonner Vizestadtsprecher Marc Hoffman. Sie war nicht verboten, allerdings schloss die Stadt die Verrichtungsboxen an der Immenburgstraße, in die die Freier mit ihren Autos hineinfahren können. Kontrolliert wurde nur, ob der Sperrbezirk eingehalten wird. Für die Prostituierten war das Anlass, auch tagsüber auf die Straße zu gehen. Am vergangenen Samstag demonstrierten sie an der Immenburgstraße dafür, dass ihr Beruf besser anerkannt und in der Coronakrise nicht vernachlässigt wird.
Unter den Demonstranten war Nadine Kopp, die sich den Künstlernamen Bibi Drall gegeben hat. „Wir haben mit dem Prostitutionsgesetz gute Grundlagen, aber das ist alles noch ausbaufähig“, sagt die Prostituierte, die selbst lieber die Bezeichnung Sexarbeiterin nutzt. Sie zückt ihren Hurenpass, eine Art Gewerbeschein. „Welcher andere Unternehmer muss so etwas haben? Diese Stigmatisierung muss aufhören.“
Sie machte im Sommer jeden Monat 600 Euro Minus. „Ich war kurz davor, mein Auto zu verkaufen. Dann hätte ich fast gar nicht mehr arbeiten können.“ Besonders schlimm treffe es aber diejenigen ohne Reserven. „Das sind Existenzen, die kaputtgehen“, sagt sie mit Tränen in den Augen. Auf dem Kölner Strich habe sie Frauen mit dem Nötigsten versorgt. „Noch einen Lockdown darf es nicht geben.“
Anlaufstelle für viele Sexarbeiterinnen ist die Bonner Aids-Initiative, die sonst den Betreuungscontainer an den Verrichtungsboxen besetzt. Weil die geschlossen sind, verteilen die Helfer Kondome, Mundschutze und Hygieneartikel von der Geschäftsstelle an der Graurheindorfer Straße aus. Mittlerweile wird es eng, auf dem Schreibtisch von Christa Skomorowsky steht die letzte Tube Desinfektionsmittel. „In den ersten Monaten bekamen wir Geld vom Gesundheitsministerium, das ist nun aufgebraucht“, sagt sie. Was vielen Entscheidungsträgern offenbar nicht bewusst sei: Die Verrichtungsboxen seien eine wichtige Einrichtung für die Frauen. „Sie geben ihnen Sicherheit.“ Nun müssten sie in dunkle Ecken ausweichen, in denen es keinerlei Kontrolle gebe. „Dabei lassen sich die Hygieneregeln auch außerhalb von Bordellen umsetzen“, sagt Skomorowsky. Einen Leitfaden dafür gibt es schon, entwickelt für den Straßenstrich an der Geestemünder Straße in Köln. In Bonn bleiben die Boxen jedoch geschlossen.
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