RP 25.02.2020
„Ich möchte, dass er nach Hause kommt“
Im Prozess um einen Brand mit Todesfolge im Hamminkelner Saunaclub Gallardo hat die Ehefrau des Angeklagten Voerders ausgesagt. Auch zwei Mitarbeiterinnen und der Betriebsleiter des bordellähnlichen Betriebs sagten aus.
Der Brand mit Todesfolge im Hamminkelner Bordellbetrieb Gallardo hat nicht nur auf tragische Weise das Leben eines Menschen ausgelöscht. Er hat ganz offenbar auch eine Familie auseinandergerissen, die Familie des Angeklagten aus Voerde, der verdächtigt wird, das Feuer im Saunaclub Gallardo gelegt zu haben. Am Dienstag sprach vor dem Duisburger Landgericht die Ehefrau des mutmaßlichen Brandstifters. Sie saß auf der Zeugenbank, ihr Ehemann wenige Meter entfernt auf der Anklagebank. Immer wieder schaute die 34-Jährige zu den Verteidigern und dem Ehemann hinüber. Da saß der Mensch, der sie mit drei Prostituierten betrogen hatte, der auch für den Tod eines 64-jährigen Niederländers verantwortlich sein soll. Und dennoch sagte die Ehefrau mitten im Prozess weinend: „Er ist der beste Ehemann und Papa. Ich möchte, dass er nach Hause kommt.“
Rückblende: In der Nacht vom 13. auf den 14. Juli 2019 brach im Hamminkelner Club Gallardo ein Feuer aus. Verdächtigt wird ein Mann aus Voerde, der in jener Nacht nach einem Junggesellenabschied eines befreundeten Mannes mit einer Gruppe nach Hamminkeln gefahren war. Zeugen berichten, dass der Angeklagte mit drei Frauen aufs Zimmer ging, auch mit ihnen schlief. Danach habe er aber nur eine Prostituierte bezahlen wollen, weil er mit den anderen beiden nicht zufrieden gewesen sei. Auf Videos ist zu sehen, dass sich der Angeklagte an der Pforte noch beschwert, dann Geld auf den Tresen legt und den Club verlässt. Andere Videos zeigen, wie eine Person wieder durch ein Fenster in den Club einsteigt. Kurz darauf bricht ein Feuer aus. Die Bediensteten räumen den Club Gallardo, doch eine Person verlässt nicht rechtzeitig die Räumlichkeiten. Es ist ein 64-jähriger Stammgast aus den Niederlanden, der im Club nur „Opi“ genannt wird. Die Prostituierte hatte ihn zwar noch aufgefordert, schnell das Gallardo zu verlassen. Dieser ältere Herr aber hat sich aber wohl noch anziehen wollen. Das war sein Fehler – er überlebte das Feuer nicht.
Welche Folgen hatte der Alkoholkonsum während der Tagestour der Junggesellen für den Angeklagten? Diese Frage beschäftigt das Gericht, weil dadurch die Frage beantwortet werden soll, ob die eigentliche Tat, die wohl eindeutig dem Angeklagten zugeordnet ist, womöglich unter Einfluss von zu viel Alkohol geschah – die Zurechnungsfähigkeit also eingeschränkt war.
Die Ehefrau sagte in ihrer ersten Vernehmung durch die Polizei direkt nach dem Brand, dass ihr Mann nach der Ankunft zu Hause „normal betrunken“ gewesen sei. Schon tagsüber habe er ihr per Whatsapp eine Nachricht übermittelt. Die sei aber kaum zu verstehen gewesen. Sie war tagsüber selbst auf einem Junggesellinnenabschied, die Kinder waren zu Hause. Sie sei schon gegen Mitternacht wieder in Voerde angekommen, ihr Mann erst später. Ihr Mann sei offenbar so alkoholisiert gewesen, dass er in dieser Nacht bei Ankunft die falsche Schlafzimmertür wählte; die eines Kindes. „Papa, du bist im falschen Zimmer“, habe das Kind noch gesagt, erzählte die Ehefrau vor Gericht. Das habe ihr das Kind später berichtet. Immer wieder brach sie in Tränen aus, schilderte auch, seit dem Brandtag pflanzliche Beruhigungsmittel zu nehmen. Ihrem Mann habe sie häufiger schon empfohlen, eine Therapie zu absolvieren, wenn er sein Alkoholproblem nicht allein in den Griff bekomme. Einmal in der Woche habe er zwei Flaschen Schnaps gekauft, auch Bier.
Ihr Mann sei besonders am Wochenende starker Trinker gewesen, schilderte die Ehefrau, oft bis zum Exzess. Dann habe er verrückte Sachen gemacht, sich nachts noch eine Ente zubereitet oder sei in einen Teich gestiegen. Bei einem Besuch von Nachbarn soll er sich auch mal entkleidet haben nach starkem Alkoholkonsum. An seinem Gesicht könne sie sehen, ob der Ehemann getrunken hat, schilderte die Frau. „Jede Frau erkennt an ihrem Mann, wenn er besoffen ist.“ Der Staatsanwalt wollte bei einer Rückfrage auch geklärt wissen, ob der Angeklagte bei starker Trunkenheit noch zum Geschlechtsverkehr fähig sei. Dies könnte für die Beweisführung dienlich sein, weil der Angeklagte mit den Prostituierten Sex hatte. Das Gericht entschied aber, dass diese Rückfrage in dieser Form zu intim und nicht zulässig sei. Merklich waren alle Prozessbeteiligten der Justiz bemüht, die Ehefrau sensibel zu behandeln.
Nach der Ehefrau sprachen weitere Zeugen. Eine 27-jährige Empfangsdame des Gallardo aus Wesel konnte die näheren Umstände der Brandnacht schildern. In jenen Minuten, in denen das Feuer ausbrach, stand sie am Tresen. Die Chefin, die im Haus schlief, sei mit ihrem Hund angerannt gekommen. „Es brennt“, habe sie gerufen. Die Empfangsdame sagte, sie habe dann veranlasst, dass alle Zimmer geräumt werden. Der Gast aus den Niederlanden sei ihr bekannt gewesen. Er sei nach der Öffnung um 11 Uhr der erste Gast im Club gewesen. Als man die Listen abglich, habe man festgestellt, dass „Opi“ sich wohl noch im Zimmer befand. Da sei es aber schon zu spät gewesen.
Die Empfangsdame sprach auch über den Alkoholkonsum des Angeklagten. Bei der ersten Vernehmung durch die Polizei hatte sie gesagt, dass der Angeklagte „stark angetrunken“ gewesen sei. Nun sagte sie vor Gericht. „Er hat nicht den Anschein gemacht, als ob er betrunken war. Man hatte nicht das Gefühl, dass man sich mit einem betrunkenen Menschen unterhält.
Eine weitere Frau aus Essen (42), die an der Bar arbeitete, schilderte den Verlauf aus ihrer Sicht. Sie ist gelernte Rettungsassistentin, arbeitete vor dem Brand erst wenige Wochen im Gallardo, drückte sich gepflegt aus und konzentrierte ihre Schilderungen insbesondere auf das Todesopfer. Sie habe mit ihrem Fachwissen durch den alten Job direkt um die Gefahren gewusst. Als sie gegenüber weiterem Personal auf das Risiko aufmerksam machte, sei nicht richtig reagiert worden, kritisierte sie. „Ich hätte mir mehr Engagement gewünscht.“
Gegen Ende der Zeugenvernehmung trat dann auch der Betriebsleiter des Gallardo auf, ein 33-jähriger Mann aus Duisburg, klein, aber muskulös. Er war im Haus eine Art „Mädchen für alles“, betreute die Gäste, die Prostituierten, aber auch Bar und Buffetservice des betriebseigenen Kochs. An einer Stelle schilderte er einen Vorgang, der aufhorchen lässt. So habe die Prostituierte, die mit dem später Verstorbenen auf dem Zimmer war, die Angewohnheit gehabt, Kerzen aufzustellen. Auch habe sie manchmal ungeschickt mit dem Glätteisen agiert, das im Zimmer stand. Deshalb dachte der Betriebsleiter nach Ausbruch des Brandes zunächst auch, dass dies ein Grund für das Feuer sein könne. Der Punkt ist wichtig, weil die Verteidigung bei einem früheren Termin das Brandgutachten kritisiert hatte. Wurde am Ende gar kein Feuer durch den Angeklagten gelegt? Wie sicher lässt sich diese Frage klären? Zwar wurde die Tür jenes Zimmers, in dem mutmaßlich das Feuer ausbrach, geöffnet, einmal durch den Betriebsleiter und einmal durch die Empfangsdame. Beide berichteten aber, dass sie keine Flammen, nur Dunkelheit und Rauch gesehen hätten.
Der Betriebsleiter war es auch, der kurz vor dem Ausbruch des Feuers eine Beschwerde des Angeklagten über den Service von zweien der Prostituierten aufnahm. Videos zeigen, wie er mit dem Gast spricht. Ein handfester Streit ist nicht zu erkennen. Im Video zückt der Angeklagte das Portemonnaie, legt Scheine auf den Tisch, der Betriebsleiter öffnet die Tür und der Gast verlässt das Haus. Hätte es hier eine stärkere Auseinandersetzung gegeben, wäre dies eine Erklärung für das Feuer kurz danach gewesen. Es wäre aber dann vielleicht auch Beweis dafür gewesen, dass der Angeklagte mit Kalkül handelte.
258 Euro hat der Angeklagte im Gallardo wohl ausgegeben: 50 Euro Eintritt; darin inbegriffen der Verzehr von Bier und Softdrinks sowie das Buffet. Dazu acht Euro für einen Longdrink und 150 Euro für die Dienste der Prostituierten. Eine teure Nacht – mit noch größeren Folgen. Ein Mensch starb. Das Gallardo selbst bleibt wohl lange geschlossen. Es gibt, so wurde vor Gericht deutlich, einen Streit mit dem Versicherer. 180.000 Euro sollen allein die Abrisskosten betragen.
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