ST 22.04.2021
Düstere Zeiten in der Rotlicht-Sauna: „Keiner will über uns reden“
Zwei steinerne Löwen halten Wache. Ein weißer Ferrari flankiert den Eingang, der wenig glamourös von einem eingeklemmten Handtuch offen gehalten wird. Doch der Parkplatz vor dem Goldentime ist so verwaist wie das Entree. Kalter Zigarettenrauch hängt in der Luft. Der Schwerverkehr der Südosttangente lässt die Metallspinde der Garderoben vibrieren. In der Wäschekammer neben der Rezeption türmen sich die Frotteemäntel bis an die Decke. Der Desinfektionsmittelspender an der Kasse hinter Plexiglas ist leer.
Gut vier Monate lang zwischen zwei harten Lockdowns herrschte im Goldentime im Vorjahr Hochbetrieb. Doch seit Corona weite Teile der Wirtschaft seit November erneut in die Knie zwingt, sind auch in der Wiener Erotiksauna die Lichter aus. Plaketten an den Toren mahnen dazu, eine Schutzmaske zu tragen und zwei Meter Abstand zu halten.
Tief im Herzen des Etablissements in Simmering lehnt an der Pole-Dance-Stange nur ein Putzkübel. An der Bar hockt neben Einkaufstaschen einsam ein betagter Freund des Hauses. In zwecks besserer Belüftung nur durch weinrote Vorhänge getrennten Separees harren Küchenrollen und Feuchttücher vergeblich ihrer Verwendung. Allein in den Garderoben der Prostituierten erinnern Stöckelschuhe und mit allerlei buntem Tand gefüllte Koffer an lebendigere Zeiten.
„Mehr Hygiene gibt’s nicht“
Sein Unternehmen sei zum Stillstand verdammt, dabei erfülle es alle Standards, um sich weiterhin virenlos der Wellness zu verschreiben, seufzt Alexander Holzer, mehrheitlicher Eigentümer des Goldentime. „Mehr Hygiene als in einem Saunaclub wie dem unseren gibt’s nicht.“
Holzer verspricht der Regierung Fiebermessen und tägliche Corona-Tests, sollte sie es ihm erlauben, aufzusperren. Wer sich abseits von Bar, Sauna und den mit Plastik überzogenen Betten bewege, müsse Maske tragen. In die Schwitzbäder dürfe man nur zu zweit. Aufgüsse seien verboten. Wer duschen wolle, müsse dies einzeln tun.
Garteln statt Erotik
Holzer betreibt das Goldentime mit Partnern seit 2013. Seit bald einem Jahr widmet sich der gebürtige Kärntner und Tontechniker freilich mehr seiner Familie und dem Garteln als dem Rotlichtmilieu.
Die Krise legt das legale Nachtleben lahm. Statt in Bordellen, Laufhäusern und Clubs spielt sich das sexuelle Gewerbe weitgehend im Verborgenen ab. Zwischenmenschliche Geschäfte verlagerten sich auf Hausbesuche und über Plattformen wie Airbnb angemietete Wohnungen. Wer dennoch arbeitet und erwischt wird, riskiert Strafen.
Flucht in die Unterwelt
Unternehmerinnen wie die Wiener Domina Shiva Prugger berichten von zahlreichen Anfragen trotz geschlossener Studios. „Wer seine sexuellen Wünsche ausleben will, findet Mittel und Wege dazu.“ Sie warnt davor, dass Menschen aus finanzieller Not in die Illegalität gedrängt werden und dadurch vulnerabel und erpressbar werden.
Prugger gründete 2020 einen Berufsverband für Sexarbeit. Sie kritisiert hohe Mieten in Bordellen, betont aber zugleich deren Bedeutung als Arbeitsstätten. Ihrer Ansicht nach sollten bei Öffnungen körpernahe Dienstleistungen gleich behandelt werden: „Sperren die Friseure auf, sollten auch wir wieder arbeiten dürfen.“
Frauen in der Armutsfalle
Holzer berichtet, dass das Goldentime an guten Tagen 50 bis 80 Kunden zählte. Viele Gäste seien Geschäftsleute und Touristen gewesen. Rund 60 Frauen arbeiteten im Club, viele davon aus Osteuropa.
Seit dem Ausbruch der Pandemie lebt der Betrieb von Förderungen. 44 Angestellte in Wien und 22 in
Linz sind in Kurzarbeit. Kündigungen habe es keine gegeben. Dennoch stoße man finanziell an Grenzen.
Auch Beratungsstellen berichten von zunehmender Notlage: Viele Sexarbeiterinnen hätten keinen Zugang zu Hilfen und stünden vor Privatkonkursen oder Delogierungen. Die Forderung nach einer Öffnung von Arbeitsorten sexueller Dienstleistungen wird lauter.
Blick in die Zukunft
Zweifel an der Zukunft seines Geschäfts hat Holzer nicht. „Sexarbeit ist das älteste Gewerbe der Welt. Auch eine Pandemie wird es nicht stoppen.“
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